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Die Zugerisierung – Ein paar Anmerkungen aus aktuellem Anlass

Man gestatte mir, mit Karl Marx zu beginnen – und zu schliessen.

Referat gehalten im Casino Zug am 06.03.2026

Ein Gespenst geht um in der Schweiz. Das Gespenst der Zugerisierung. Fast alle Mächte der alten Eidgenossenschaft haben sich zur Gespensterjagd verbündet: der Zürcher Finanzdirektor – ausgerechnet SVP-Mitglied –, die urbanen Milieus, die rotgrünen Radikalinskis. Und neuerdings sogar Vertreter der Zentralschweiz.

Ja, die Zentralschweiz. Jene Gegend, die man für einen Hort von Verlässlichkeit und politischer Standfestigkeit hielt. In Luzern warnen Junge Grüne und SPler in einem Postulat mit dem Titel «Keine Zugerisierung der Stadt Luzern» vor einem drohenden Verlust der Standortqualität.

Das Gespenst hat die Stadtmauern überwunden.

Für die politische Linke ist «Zugerisierung» längst mehr als ein Begriff. Es ist ein Schmähwort, ein ökonomisches Schreckbild, ein Sammelbecken für alles, was schiefläuft, wenn man dem Markt mehr zutraut als der moralischen Erziehungsarbeit des Staates.

Die Logik ist bestechend einfach:
Tiefe Steuern ziehen Personen und Firmen an. Erhöhte Nachfrage treibt die Mieten. Steigende Mieten vertreiben die Menschen. Und daraus folgt – zwingend, geradezu naturgesetzlich – die einzig richtige Lösung: Rauf mit den Steuern! Auf dass die Nachfrage sinke, die Mieten fallen, die Stadt verlottere – und sich plötzlich alle alles leisten können.

Kurz gesagt: Je weniger attraktiv der Standort, desto attraktiver wird er!

Eine Theorie, die sich durch ihre bemerkenswerte Unabhängigkeit von jedem Realitätssinn auszeichnet. Man muss sie nicht verstehen – man muss sie nur glauben.

Wie funktioniert diese Ökonomie der Anti-Zugerisierer im Detail?

Ganz einfach: Je mehr der Staat nimmt, umso besser. Echte Staatlichkeit zeigt sich in ausgeprägten Nehmerqualitäten. Wenn das Kollektiv viel von wenigen nimmt, gilt das als moralisch höherwertig – selbst dann, wenn die Wenigen immer weniger werden.

Das mündet in ein klares Prinzip: Verteilen kommt vor dem Erwirtschaften. Konsumieren vor dem Investieren. Alles für alle. Wenige für alles.

Das ist keine Revolution. Das ist der schleichende Weg der Sozialisierung des Volkseinkommens – nicht per Barrikade, sondern per Budget.

Nun könnte man einwenden: Das ist polemisch, zugespitzt, idealtypisch.Und ja, stimmt vielleicht. Aber es ist dennoch nicht falsch, wenn man auf die Zahlen blickt.

Die Bundesausgaben haben sich in den letzten dreissig Jahren real verdoppelt. Die Ausgaben für soziale Wohlfahrt haben sich im selben Zeitraum real verdreifacht. Die erweiterte Fiskalquote der Schweiz liegt heute bei rund 45 Prozent. Das heisst: Über fast die Hälfte des Erwirtschafteten entscheiden nicht die Bürger in der Ich-Form, sondern Dritte – Politiker, Behörden, Funktionäre.

Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt solche Verhältnisse treffend einen «steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage». Eigentum existiert zwar noch – aber die Bedingungen seines Gebrauchs werden zunehmend politisch geprägt. Nicht der Markt, sondern der Staat übernimmt die Ressourcenplanung.

Warum ist das kein grosses Thema? Mein Compagnon Christoph Schaltegger sagt es so: Unter Blinden ist der einäugige König. Die Schweiz vergleicht sich wirtschaftspolitisch mit dem europäischen Ausland – und steht vergleichsweise gut da. «Gut» heisst hier nur: weniger schlecht.

Der richtige Vergleich wäre ein anderer: nicht Bund versus EU – sondern Bund versus Zug. Was also ist diese Zugerisierung wirklich?

Der Begriff stammt vom Ökonomen Reiner Eichenberger. Zugerisierung meint: Tiefere Steuern ziehen Hochqualifizierte und Firmen an. Das erlaubt dem Staat, die Steuern tief zu halten – und zugleich gezielt in Bildung und Infrastruktur für alle zu investieren.

Der entscheidende Punkt: Tiefe Steuern zwingen zur Disziplin. Und Disziplin ist die meistunterschätzte politische Tugend unserer Zeit.

Zug betreibt keine Voodoo-Ökonomie. Zug betreibt die Mathematik des staatlichen Realismus: Weniger von mehr ist mehr als mehr von weniger. Ein Glückskreis – kein Teufelskreis.

Natürlich verspricht auch die Zugerisierung kein Paradies. Schon deshalb nicht, weil es dieses Paradies hiernieden nicht gibt. Aber es sind – trotz hoher Mieten und harter Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt – vergleichsweise idyllische Verhältnisse für viele oder sogar die meisten.

Der Zuger Dichter Thomas Hürlimann hat für diese idyllischen Verhältnisse ein schönes Bild gefunden. In einem Gespräch, das ich einmal mit ihm geführt habe, beschreibt er Zug als Stadt der zwei Geschwindigkeiten: hier die Blumentröge mit Geranien unter dem Perron – gleich dahinter der Marc-Rich-Glasbau, ein Wahrzeichen des akzelerierten Kapitalismus.

Rote Geranien hier, hohe Glasbauten dort. Diesen Gegensatz kann man nicht wegmoderieren. Man kann ihn nur aushalten – und produktiv nutzen. Und niemand hält ihn erfolgreicher aus als Zug: bodenständig und himmelsstürmend, bauernschlau und geschäftstüchtig, idyllisch und dynamisch.

Dass dies gelingt, ist kein Zufall. Zug ist kein ökonomisches Naturereignis, sondern ein politisches Kunstprodukt. Seit Jahrzehnten trägt eine bürgerliche Koalition diesen Weg: eine ordnungspolitisch saubere FDP, eine stabilisierende CVP – und eine SVP mit intaktem fiskalischem Instinkt.

Zug zahlt heute 3582 Franken pro Kopf in den nationalen Finanzausgleich. Zürich: 320 Franken.

Als Finanzdirektor Heinz Tännler jüngst gefragt wurde, ob ihn das besorge, antwortete er: Die Entwicklung zeige die wachsende Stärke Zugs. Sorgen bereite ihm höchstens, dass einige Kantone ihr Potenzial mutmasslich nicht nutzen, um ihre eigene Position zu stärken.

Das ist kein Triumphgeheul. Das ist jemand, der aus der Position der Stärke spricht. Die Schweiz braucht mehr Zug.

Mehr Zugerisierung heisst nicht weniger Solidarität. Es heisst: mehr Substanz, bevor man sie verteilt. Mehr Kapitalisierung, bevor man sozialisiert. Mehr Realitätssinn, weniger Ersatzmoral.

Karl Marx schrieb einst: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Er meinte das revolutionär. Heute müsste man es nüchterner lesen – und föderaler: Zuger aller Kantone, vereinigt euch.

Nicht im Zorn. Sondern im Realismus. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Dr. René Scheu ist promovierter Philosoph und Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Von 2016 bis 2021 hat er das Feuilleton der NZZ geleitet.

 

 

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