Gedanken zu unserem Land
Vor mir liegt das geöffnete Abstimmungscouvert. Während ich meinen Abstimmungszettel ausfülle, mache ich mir einige Gedanken zu unserem Land, zu meinen Kindern und zu meinen Schülerinnen und Schülern.

Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass viele Menschen spüren: Unser Land verändert sich schneller, als es uns guttut. Nicht nur in Statistiken. Sondern mitten im Alltag. In den Schulen. Auf den Strassen. In den Zügen. Auf dem Wohnungsmarkt. In den Dörfern und Gemeinden.
Die Schweiz war immer offen. Das ist etwas Schönes. Aber offen bedeutet nicht grenzenlos. Ein kleines Land wie unseres muss darauf achten, dass das Zusammenleben funktioniert und dass das, was unsere Schweiz ausmacht, nicht langsam verloren geht.
Dabei geht es mir nicht um Hautfarbe oder Herkunft. Es geht um unsere Art zu leben. Um Werte, die viele von uns von klein auf gelernt haben und die ich als Mutter und auch als Lehrperson meinen Kindern sowie meinen Schülerinnen und Schülern vorleben und weitergeben möchte.Schweizer Identität zeigt sich nicht am 1. August oder daran, ob man etwas vom Schwingsport versteht. Sie zeigt sich jeden Tag im Kleinen.
Wie wir in der Familie miteinander umgehen. Wie wir in der Schule miteinander umgehen. Wie wir mit Arbeitskollegen sprechen. Wie wir älteren Menschen begegnen. Wie wir mit Fremden umgehen. Wie wir mit Frauen umgehen. Und sogar darin, wie wir Menschen behandeln, die wir persönlich nicht mögen.
Für mich bedeutet Schweizer Kultur nicht Perfektion. Sie zeigt sich darin, dass Menschen Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen und sich mit Respekt begegnen. Dass ein Handschlag etwas wert ist. Dass man sein Wort hält und sich gegenseitig hilft. Dass Frauen und Männer gleichwertig behandelt werden. Dass man mitarbeitet, statt nur Forderungen zu stellen. Und dass man auch Menschen mit Anstand begegnet, die man nicht besonders mag.
Ich glaube, genau diese kleinen Dinge machen unsere Schweiz aus. Nicht die grossen Symbole. Sondern das tägliche Miteinander. Wie wir leben, arbeiten, diskutieren und einander begegnen. Das ist für mich gelebte Schweizer Kultur.
Immer öfter habe ich aber das Gefühl, dass man sich kaum noch traut, diese Werte überhaupt anzusprechen oder zu verteidigen. Wer Sorgen äussert, gilt schnell als intolerant oder rückständig. Dabei darf man doch finden, dass sich ein Land zu schnell verändert, ohne deshalb andere Menschen abzulehnen.
Eine Gesellschaft funktioniert nicht nur, weil Menschen zufällig auf demselben Fleck wohnen. Sie funktioniert, weil es gemeinsame Spielregeln gibt. Weil man Rücksicht nimmt. Weil man bereit ist, Teil eines Ganzen zu sein.
Als Lehrperson sehe ich täglich Kinder aus ganz unterschiedlichen Familien. Integration gelingt dort am besten, wo gemeinsame Regeln, gegenseitiger Respekt und ein gemeinsames Verständnis des Zusammenlebens vorhanden sind. Diese Grundlagen helfen Kindern, sich zu orientieren und ihren Platz in unserer Gesellschaft zu finden.
Natürlich verändert sich jedes Land mit der Zeit. Aber nicht jede Veränderung ist automatisch ein Fortschritt. Und Toleranz bedeutet für mich nicht, dass einem irgendwann alles egal wird. Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Mut haben, zu unserer eigenen Kultur, unserer Sprache und unseren Werten zu stehen. Ruhig. Respektvoll. Aber klar.
Während ich nun meinen ausgefüllten Abstimmungszettel ins Abstimmungskuvert zurückstecke, komme ich immer wieder auf denselben Gedanken zurück: Die Schweiz ist weit mehr als ihre Schokolade, ihre Berge oder Alphornmusik. Sie lebt von den Werten, die wir Tag für Tag vorleben. In unseren Familien. In unseren Schulen. In unseren Vereinen. An unseren Arbeitsplätzen. Und im Umgang mit unseren Mitmenschen.
Diese Werte haben unser Land stark gemacht. Sie geben Orientierung. Sie schaffen Vertrauen. Sie verbinden Menschen unterschiedlicher Herkunft. Auch Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und bei uns ein neues Zuhause suchen.
Ich habe meinen Entscheid getroffen. Mein Ja ist im Couvert. Ich hoffe, dass Ihnen diese Überlegungen bei Ihrer eigenen Entscheidung dienen und bitte Sie deshalb ebenfalls um ein Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative.
Für uns alle.
Irène Meier, Alosen

